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Monty Python reloaded – oder: gestorben heißt noch lange nicht tot

Publié le 14 janvier 2012 par Europeanculturalnews

norton.commander.productions mit „X Gebote“ im WUK

X Gebote - norton.commander.productions im WUK in Wien

X Gebote - norton.commander.productions im WUK in Wien (c) norton.commander.productions

Wenn man alt wird, verwandelt man sich wieder zum Kind. Man beschäftigt sich mit Kinderspielen und trägt Windelhosen und vergisst, was einem das Leben einst bedeutete. Man kehrt zurück in jene Zeit, in der das Spiel einzige Lebensaufgabe und einziger Lebenssinn war – und wenn diese auch nur darin bestanden Gummi-Tierchen aufzublasen. Genau diese Vorstellung visualisiert das erste Bild von „X Gebote“, einer Produktion der norton.commander.productions, die derzeit auf einer kleinen Tour in Deutschland und Österreich zu sehen ist.

Zu Beginn des Geschehens sind 4 Männer, einzig mit Geriatriewindeln bekleidet, auf der Bühne damit beschäftigt, sich eine Spielwelt zu erschaffen, in der es von aufblasbaren Plastiktierchen nur so wimmelt. Bis es aber soweit ist, müssen einige Hürden überwunden werden. Zuallerst jene des eigenen, begrenzten Atemvolumens.
Kläglich mühen sie sich an 4 kleinen, grünen Luftwürstchen ab – weit ist es also nicht her mit Gottes Odem – bis schließlich – der technischen Evolution sei Dank – vier Kompressoren angeworfen werden dürfen. Diese pumpen in kurzer Zeit rasch genügend CO2 in die bunte, artifizielle Tierschar, in der es sich offenbar lustiger leben lässt als zuvor.

Der Titel „X Gebote“ und die Vorankündigung , dass es sich an diesem Abend um die Aufarbeitung und Neufassung von 3 Geboten, der allseits bekannten 10 christlichen, geht, lassen jedoch beim Publikum nicht wirklich Humor aufkommen. Da muss doch noch ein tieferer Sinn hinter dem Ganzen stecken? Warum nur komme ich nicht dahinter? Dies oder so Ähnliches mag sich bei der oder dem ein oder anderen im Kopf abgespielt haben, denn, obwohl die Absurdität des Geschehens über lange Strecken nicht zu überbieten ist, entkommt nur wenigen im Publikum ein leises Kichern. Welcher Lust-Hemmschuh kann sozial erwünschtes Verhalten doch sein! Diejenigen aber, die sich auch abseits eines Theaterabends einlassen auf das Spiel das da heißt, „Nimm die Realität nicht ernst, sie holt dich ja doch ein“, kommen an diesem Abend voll auf ihre Kosten.

Die Erkenntnis, von der wir alle wissen, dass sie ein Abkömmling jenes Baumes ist, dessen Früchte Adam und Eva untersagt waren zu essen, folgt rasch. Beigesteuert von der Projektion des Gemäldes „Paradies“ von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1530. Aufgemerkt in der Fassung der Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in welchem – ganz im Gegensatz zu jenem Bild im KHM in Wien – eine Unzahl an Getier kreucht und fleucht. Ganz so wie auf der Bühne. Hirsche, Rehe, Löwen und Schafe, Pferde und – Flamingos – sind dort wie da zu sehen – wobei – das mit den Flamingos, das ist eine künstlerische Freiheit, die sich das Ensemble nimmt, wohl in der Ermangelung jener Reiher, die Cranach auf seinem Gemälde verewigte. Aber um eine detailgetreue Darstellung geht es ja wahrlich nicht. Vielmehr wohl darum zu zeigen, auf welchem Mythos unser westlicher Wertekanon aufgebaut ist und welche Bilder dazu beitrugen, unsere Vorstellung vom Paradies und vom „Goldenen Zeitalter“ zu formen. Schwupps – schon hält uns Ikonographie und Ikonologie in trauter Umarmung. Wohlig in sie eingekuschelt, umso mehr wenn man kunsthistorisch ein wenig verbildet ist, darf man sich einlassen auf ein Ratespiel. Ein Ratespiel, in welchem man gegen die Dramaturgie antritt und brav Punkte sammeln darf. Eine Pose gedeutet, eine Requisite erkannt, ein versteckter Hinweis in kulturgeschichtlichen Kontext gebracht – und schon hat man 100 Punkte erspielt. Schade und zu dumm nur, dass die nebenan Sitzenden vom persönlichen Bildungsniveau gar nichts mitbekommen! Schön, dass uns dabei die eingefrorenen Posen der Protagonisten Adam und Eva samt Engel mit Schwert und listiger Schlange auf die Sprünge helfen. Und das alles im „Theater ohne Worte“ – oder ist dies nicht unter dem Begriff Performance längst bekannt?

Egal, kaum glaubt man das „Spiel“ verstanden zu haben, wechselt das Geschehen von der Bühne auf die dahinter angebrachte Leinwand und weicht dem Medium Film.
Gott Vater erscheint nun als ein in weiße Ausgehuniform gekleideter, ergrauter Oberst (Hermann Beyer) – oder ist er gar General?, der alle Hände voll zu tun hat, seine unorganisierte Truppe auf Linie zu bringen. Brüllend müht er sich ab, ihr die Richtlinien und Gesetze der christlichen Dogmen einzubläuen und dies mit all jenen militärischen Finessen, die da wären: Erniedrigen, demütigen und schinden. Anfangs laufen Matthäus, Jakobus, Bartholomäus, Simon, Philippus und Judas noch brav im Ertüchtigungsschritt hintereinander durch das leere Parkhaus, fröhlich eine Kinder-Gotteslobpreisung singend, auf dass sie sich einstimmen mögen in das, was sie schließlich in die Welt hinaustragen sollen. Wobei die Fronten hier schon aufbrechen, denn Jakobus – (Angie Reed mit aufgeklebtem Bart) wird kurzerhand von ihrem „Herrn“ zu Maria Magdalena umtituliert, was widerwillig zur Kenntnis genommen wird. Womit Gott Vater aber nicht gerechnet hat ist, dass rund 2000 Jahre nach der Ideenimplementierung des christlichen Glaubens die Menschheit sich doch erdreistet, gegen ihn uns seine vermeintliche Wahrheit aufzumucken. Irm Hermann, in der Rolle der gestrengen Psychotherapeutin wird zur Geburtshelferin jenes freien Denkens, welches gegen den „allmächtigen Vater“ revoltiert. Und doch ist es zum Schluss sie, die allen die Frage stellt „wird er euch nicht abgehen?“ Und schon ist sie geschehen jene Todsünde, die da heißt: Du sollst nicht töten. Denn schon hat er sich in Luft aufgelöst, jener Gott, der sich selbst gar nicht vorstellen konnte, jemals getötet zu werden. Die Erleichterung von seiner Knechtschaft wird nur durch die Absenz dessen getrübt, was einst dazu diente, alle Mühe und Plage auf dieser Welt im Hinblick auf eine bessere himmlische Zukunft zu ertragen – und sei es auch nur für wenige Momente im betroffenen Gesichtsausdruck der Therapeutin.

Soweit, so gut – das erste der drei an diesem Abend thematisierten Gebote wurde abgehandelt. Was kommt jetzt?„Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben“ und „Du sollst nicht stehlen“ – wird in den zweiten Teil nach der Pause verlegt. Und da ganz pragmatisch und doch lustvoll zugleich behandelt. Pragmatisch, weil es keiner weiteren Erklärungen bedarf außer eines einzigen Songs, der weltweit zu den Ikonen der Popgeschichte gehört: John Lennons „Imagine“ und lustvoll, weil er in einer ganzen Reihe von Neuinterpretationen zu Gehör gebracht wird. Nun zeigen Angie Reed und die männlichen Interpreten, was musikalisch in ihnen steckt. Ganz wie weiland Otto Waalkes gehen sie daran, mit immer demselben Text eine musikalische Stilrichtung nach der anderen abzuhandeln. Vom Choral über ein Blockflötenseptett, vom Sing-a-Song-Writer- über eine Heavy-Metal-Version wird nichts ausgelassen, was die Menschen auf unserem Globus derzeit musikalisch beglückt. Und immer ist es der groß gewachsene Nikolaus Woernle, auch er ganz in weiß gewandet, der den Ton angibt. Ihm sind sie alle ergeben, blicken auf zu ihrem Idol und machen klar, dass er nun drauf und dran ist jenen zu ersetzen, den man doch erst kurz zuvor für tot erklärte. So schnell wechselt der Thron im Götterhimmel und so rasch haben wir damit gleichzeitig ein weiteres Gebot gebrochen. Dagegen nimmt sich das Gebot nicht zu stehlen gar nicht mehr so tragisch aus, hat es doch längst mit „Copy & paste“ nicht nur in das Musikbusiness Einzug gehalten, sondern kann auch, wie Karl Theodor zu Guttenberg und andere gezeigt haben, zu wissenschaftlichen Weihen führen. Wie schön ist es aber doch, wieder an etwas zu glauben! An eine vereinte Welt, in der es keinen Himmel aber auch keine Hölle gibt, die aber zumindest noch einen Anführer hat. Auch wenn der mehrmals erschossen wird. Macht nichts, im nächsten Moment steht er wieder da – bewundernswert wie eh und je.

Was die zehn Gebote selbst betrifft ist festzustellen: Noch können wir auf diese offensichtlich nicht verzichten, ob Gott sich nun verabschiedet hat oder nicht. Das ist es wohl, was Harriet Maria und Peter Meining, verantwortlich für Regie, Buch, Bühne und Film uns vermitteln möchten. Ganz subtil mit ihrem spielerischen und multimedialen Ansatzes, dem „Gott sei Dank“ der Holzhammer fehlt.

In weiteren Rollen: Otmar Wagner, Gregor Biermann, Ole Wulfers, Mark Boombastik, Jörn Burmester, Nikolaus Woernle sowie das Kind Noel Lode.
Das 11. Gebot steht jedenfalls fest: Du sollst „X Gebote“ Teil 2 ansehen.


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Über Elisabeth Ritonja


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